100 Tage Schulleiterin am PEBK - Ein Interview mit Annette Schmidt
Frau Schmidt, wie geht es Ihnen nach 100 Tagen als Schulleiterin des Berufskollegs?
Das kommt darauf an, zu welcher Uhrzeit Sie mir diese Frage stellen…(😊). Nein, im Ernst: Mir geht es ausgezeichnet, und ich verspüre eine große Dankbarkeit und Verbundenheit mit den Menschen an unserer Schule. Die ersten 100 Tage waren geprägt von einer äußerst herzlichen und offenen Aufnahme durch die Kolleg:innen und durch große Unterstützung aller Akteur:innen in der Schulgemeinschaft. Es war und ist eine intensive Zeit voller neuer Eindrücke, aber die positive Energie an unserer Schule und die Leidenschaft aller Mitarbeitenden, für die Schüler:innen ein möglichst optimales Bildungsangebot zu ermöglichen, bestätigt mich täglich darin, diese verantwortungsvolle Aufgabe zurecht übernommen zu haben.
Was hat sich seit Oktober für Sie grundlegend geändert?
Eigentlich alles. Sowohl die Form als auch der Inhalt meiner Arbeit haben sich sehr erweitert. Mit „Form“ meine ich die weit ausgedehnte tägliche Arbeitszeit. Mit “Inhalt“ meine ich das Aufgabenspektrum, welches viel komplexer geworden ist, sowie die Anzahl der Akteure und Organisationen, mit denen ich kooperiere. Der Fokus meiner täglichen Arbeit hat sich verschoben. Während ich zuvor als Fachleiterin am ZfsL die individuelle Professionalisierung angehender Lehrkräfte begleitet habe, trage ich nun die Verantwortung für das „System Schule“ als Ganzes. Mein Fokus liegt jetzt darauf, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass gute Schule gelingen kann. Das bedeutet mehr strategische und systemische Steuerung, auch in Bezug auf Personalverantwortung und ebenso die wunderbare Aufgabe, das Profil unserer Schule aktiv mitzugestalten. Ich würde mich jetzt als „Ermöglicherin + Netzwerkerin“ bezeichnen.
In Ihrer Antrittsrede sagten Sie, dass Sie noch eine Lernende sind. Was konnten Sie seitdem lernen?
Unglaublich viel und Vielfältiges. Das fängt bei der richtigen Bedienung der Telefonanlage an, geht über das Verstehen von Verwaltungsprozessen und notwendigen Verfahrensschritte weiter und endet nirgendwo, weil immer neue Aufgaben und Herausforderungen auf die Schulleitung zukommen.
Führung ist – wie im Übrigen so vieles im Leben - ein kontinuierlicher Lernprozess. Ich lerne, wie diese Schule „funktioniert“, welche Schulkultur herrscht, wie die Abläufe gestaltet sind, wie die Zusammenarbeit organisiert ist, ferner entdecke ich die einzelnen Abteilungen, die Bildungsgänge und Fächer. Vielleicht ist nach den 100 Tagen die wichtigste Bestätigung für mich, dass diese große Aufgabe, Schulleitung, nur in einem guten Team wirklich gelingen kann. Und hier an der Schule gibt es ein wirklich großartiges Team.
Wie haben Sie unsere Schülerschaft bislang erlebt?
Leider habe ich bisher noch nicht wirklich viele unterschiedliche Eindrücke sammeln können, da ich im Moment selbst noch keinen Unterricht erteile. Zu meinen Aufgaben gehört es allerdings, Lehrkräfte in ihrem Unterricht zu besuchen und sie zu beraten. Da habe ich schon einige schöne Momente erlebt, in denen mich die Zielstrebigkeit und die Motivation der Schüler:innen sehr beindruckt haben, z. B. in einer AV-Klasse, wo die Schüler:innen nach einem Schuljahr schon über ein wirklich gutes Deutsch-Sprachniveau verfügt haben.
Aus der Sicht der Schulleiterin habe ich leider auch unschöne Eindrücke gesammelt. Am schlimmsten war es für mich als einer Schülerin, die gerade einer anderen Schülerin Erste Hilfe leistete, das Handy gestohlen wurde. Dieses asoziale Verhalten hat mich wirklich entsetzt. Das Handy ist zum Glück wieder aufgetaucht, der/die Diebin hatte also doch ein wenig Anstand. Aber ich kann ein solches Verhalten wirklich nicht verstehen. Auch in Teilkonferenzen kommen unschöne Situationen vor. So müssen wir manchmal Schüler:innen von der Schule entlassen, weil sie zu viele Fehlzeiten gesammelt haben, oder weil sie Lehrkräfte oder andere Schüler:innen mit Gegenständen beworfen oder sogar geschlagen haben. Solche Situationen machen mich sehr traurig.
Aber ich hatte auch sehr schöne persönliche Begegnungen mit Schüler:innen auf dem Schulhof, am Berufskollegtag oder in der U-Bahn. Da haben sich sehr nette Gespräche ergeben, und ich war beeindruckt von der Offenheit dieser Schüler:innen und über die Kompetenzen, über die sie verfügen. Unsere Schüler:innen bringen eine enorme Lebenserfahrung mit, die unser Schulleben bereichert.
Was waren besonders positive und was besonders negative Erlebnisse?
Sehr positiv habe ich den Berufskollegtag erlebt, da die ganze Schulgemeinschaft mit wirklich kreativen Aktionen und Ideen daran mitgearbeitet hat, unser PEBK für die Besuchenden von der besten Seite zu zeigen.
Ein besonderes Highlight ist, dass wir (wieder) den Schulentwicklungspreis „Gute Gesunde Schule“ gewonnen haben. Großartig! Mit dem Preisgeld möchten wir unsere Schule noch gesünder und besser machen – auch die Schüler:innen sind an der Ideenfindung beteiligt!
Ein Highlight war definitiv der Austausch mit den Schüler:innen der SV. Mich hat sehr beeindruckt, wie viele konstruktive Ideen entwickelt wurden (Unterschriftenaktion wegen der U-Bahn, mehr „Werbung“ für das Paul-Ehrlich-BK). Ich hoffe sehr, dass die SV dieses Engagement weiterträgt!
Weniger schön, wenn auch notwendig, sind die logistischen Herausforderungen, die durch das Alter unseres Gebäudes (und die Brandschutzsanierung) entstehen. Es schmerzt zu sehen, wenn bauliche Rahmenbedingungen das Lernen erschweren, aber die Solidarität, mit der alle Beteiligten damit umgehen, ist wiederum eine sehr positive Erfahrung.
Wie laufen die Arbeiten zur Brandschutzsanierung, insbesondere im Modulbau?
Sanierungen im laufenden Betrieb sind immer ein Kraftakt. Wir stehen in engem Austausch mit dem Schulträger und allen Gewerken, um die Belastungen so gering wie möglich zu halten. Unser Ziel ist es, dass die räumlichen Bedingungen so schnell wie möglich wieder die Qualität erreichen, die unsere pädagogische Arbeit verdient. Ich sehe es als meine Pflicht an, hier hartnäckig zu bleiben, damit der Lernort Schule auch physisch ein Ort ist, an dem man sich gerne aufhält. In dem Zusammenhang möchte ich mich insbesondere bei unseren Lehrkräften und unserem Hausmeister Herrn Stannek für die tatkräftige Mitarbeit und die Geduld bedanken! Aber natürlich auch den Schüler:innen, die diese belastende Situation ebenfalls mittragen. Und insbesondere Marion Loeser, die die Hauptarbeit der Koordinierung leistet.
Wie haben Ihre Schulleitungskolleg*innen im RBZB Sie aufgenommen?
Ich wurde im Kreise der acht städtischen Berufskollegs dankenswerterweise sehr kollegial und herzlich aufgenommen; durch meine frühere Tätigkeit kannte ich bereits alle Schulleitungen, was das Einfinden in diese hochprofessionelle Arbeitsgemeinschaft sicherlich erleichtert hat. Die Zusammenarbeit im RBZB ist für mich essenziell, um den Bildungsstandort Dortmund gemeinsam zu stärken und Synergien zu nutzen, statt in Konkurrenz zu treten. Dieser enge Schulterschluss ermöglicht es uns, Herausforderungen wie den Fachkräftemangel oder die Digitalisierung gemeinsam anzugehen, statt als Einzelkämpfer aufzutreten.
Was ist Ihre langfristige Vision für das BK in der Dortmunder Bildungslandschaft?
Meine Vision ist die von einer Schule, in der unsere Schüler:innen gerne lernen und leben, die Kolleg:innen gerne arbeiten und in der Fachkompetenz und Mündigkeit als höchste Bildungsziele verstanden werden. Unsere Schüler:innen werden darin bestärkt, ihre Gestaltungskompetenz zu verbessern, also die Fähigkeit, das eigene Leben und die Gesellschaft aktiv, kritisch und verantwortungsvoll mitzugestalten. Das PEBK ist ein Ort, an dem Diversität als Ressource für Innovation verstanden und umgesetzt wird, ein Ort, der echte Bildungsgerechtigkeit ermöglicht – unabhängig von der sozialen Herkunft oder Nationalität.
Um diese Vision weiter umzusetzen, hat die erweiterte Schulleitung in den vergangenen 100 Tagen bereits wichtige Weichen gestellt. So werden zukünftig die beiden Bereiche „Demokratiebildung“ und „Beratung/Prävention“ als Querschnittsaufgaben innerhalb des schulischen Organigramms verankert. Wir werden somit demokratische Strukturen im Schulalltag noch nachhaltiger etablieren können, damit Partizipation für jede/n erlebbar, erfahrbar und gestaltbar wird. Wir ermöglichen und wünschen uns mehr Mitwirkung durch die Schüler:innen. Das gleiche gilt für den Bereich Prävention/Beratung, der sowohl physischen als auch psychischen Gesundheitsschutz bis zur Sucht- und Gewaltprävention nachhaltig in den Blick nimmt, Strukturen und Angebote optimiert und damit ein sicheres, stabiles und stützendes Lernumfeld schafft.
Meine Vision beinhaltet ebenso, das Gute am PEBK zu bewahren – und davon gibt es sehr viel. Wir bleiben weiterhin das Kompetenzzentrum für Gesundheit, Pflege und „Grüne Berufe“, in dem professioneller, moderner handlungsorientierter Unterricht und menschliche Zugewandtheit Hand in Hand gehen.
Frau Schmidt, herzlichen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine glückliche und erfolgreiche Zeit als Schulleiterin am PEBK.
Das schriftliche Interview führte Timo Gelück

















