1. Was ist ihre Aufgabe als Gleichstellungsbeauftragte?

Also erstmal ganz konkret: An der Schule bin ich Ansprechpartnerin für Gleichstellungsfragen. Da geht es darum, dass es bei uns keine Ungleichbehandlung wegen des Geschlechts gibt, und zwar in meiner Funktion vor allem für die Lehrkräfte. Das heißt zum Beispiel: Wenn eine Lehrerin in Teilzeit arbeiten möchte, soll trotzdem gesichert sein, dass sie genauso wie ein Mann die Möglichkeit hat, sich hier beruflich zu entfalten und Verantwortung zu übernehmen. Und das gilt eben auch umgekehrt: Wir wollen natürlich auch, dass Männer sich um ihre Kinder kümmern. Deswegen ist es uns wichtig, dass natürlich auch Männer mit Betreuungspflichten die Möglichkeit haben, in Teilzeit zu arbeiten.

  1. Warum haben sie sich für diesen Beruf entschieden?

Ich finde, dass wir in einer Gesellschaft leben, im Jahr 2026, in der es immer noch Unfaires gibt, was Frauen benachteiligt. Deswegen finde ich, dass es eine wichtige Aufgabe ist daran zu arbeiten, dass gleiche Behandlung und gleiche Chancen überall in der Gesellschaft umgesetzt werden. Auch an der Schule ist es eine wichtige Aufgabe, der ich mich gerne widme.

  1. Warum brauchen wir eine Gleichstellungsbeauftragte?

Wir haben leider immer noch ziemlich alte Rollenbilder. Zum Beispiel, dass die Frau zu Hause bleibt und der Mann arbeiten geht. Oder dass Frauen eher Berufe machen, die etwas mit Sorge und Kümmern zu tun haben, während Männer eher in andere Bereiche gehen. Wir wollen aber, dass alle die gleichen Chancen haben und dass jede*r den Beruf nach den eigenen Fähigkeiten und Interessen auswählt und bitte nicht nach irgendwelchen Klischees. Und man merkt auch, dass viele Rollenbilder unbewusst mitlaufen und so einfach weitergetragen werden. Das sieht man sogar im Unterrichtsmaterial: Wenn Familien dargestellt werden, ist oft die Frau zu Hause und der Mann geht arbeiten. Oder ganz typisch: Der Junge macht einen Handwerksberuf, und das Mädchen wird Erzieherin.

Akoho Interview 02

  1. Seit wann gibt es eine Gleichstellungsbeauftragte an unserer Schule?

Seit 2007 ungefähr steht es im Schulgesetzbuch, dass es so eine Funktion geben muss und seitdem gibt es die auch hier an unserer Schule. Es kann aber sein, dass die vorher schon gab.

  1. Gibt es Unterschiede bei Behandlung von Mädchen und Jungen im Unterricht?

Es kann schon sein, dass die Lehrkräfte unbewusst Mädchen bestimmte Eigenschaften zuschreiben, wie z.B., ‚die müssen immer ruhig sein‘ oder ‚das sind die, die sozialer sind‘ und das es bei Jungen dann so ist, dass es okay ist, wenn die laut sind, nach dem Motto „Jungs sind eben so!“. Oder auch umgekehrt, dass einem Jungen nicht zugetraut wird, auch fürsorgliche Arbeiten zu übernehmen. Oder es wird einfach davon ausgegangen, dass Mädchen und Jungen automatisch unterschiedliche Interessen haben, was ja überhaupt nicht so sein muss. Wenn ihr mal an unser früheres Fußballturnier denkt Damals mussten wir sogar extra dazuschreiben, dass auch Mädchen in der Mannschaft sein müssen, weil sonst oft nur Jungs gemeldet wurden. Da erkennt man gut das Ungleichgewicht, und an solchen Stellen merkt man, wie stark Rollenbilder noch wirken.

  1. Werden bestimmte Berufe oder Studiengänge geschlechtsspezifisch, stärker empfohlen zum Beispiel, Mädchen eher der Pflegeberuf?

Ja, gerade im sozialen Bereich ist es so, dass diese Berufe auch diejenigen sind, in denen man weniger Geld verdient. Letztendlich geht es bei der Lohnarbeit natürlich auch um soziale Absicherung. Wir Frauen wollen auch das gleiche Geld verdienen. Das ist aber oft nicht der Fall, da gibt es den Gender Pay Gap. Damit ist gemeint, dass festgestellt wurde, dass Frauen oft weniger verdienen als Männer. Und das  selbst, wenn sie die gleiche Qualifikation haben und im gleichen Beruf arbeiten

  1. Welches Vorurteil stört sie am meisten an Mädchen oder Frauen?

Dass Jungen weniger emotional und Mädchen emotionaler sind. Das stört mich schon, weil beide Geschlechter die gleiche Fähigkeit haben, Emotionen auszudrücken und vieles davon ist eben einfach sowas, was man so vorgelebt bekommt.

Wenn ich als Kind immer nur sehe, dass zu Hause meine Mutter sich kümmert und mein Vater kaum, dann lerne ich ja: Frauen sind dafür zuständig und „können das eben besser“. Und oft wird das dann auch noch so begründet, als wären Frauen von Natur aus emotionaler und deshalb fürs Kümmern „gemacht“. Genau dieser Zusammenhang stört mich: Gefühle zu haben heißt nicht, dass man automatisch für bestimmte Aufgaben zuständig ist. Männer können genauso fürsorglich sein.

Und was noch viel schlimmer ist: Es gibt Männer, die glauben, Frauen müssten tun, was sie wollen. Und wenn das nicht passiert, wird Druck gemacht oder sogar psychische oder physische Gewalt angewendet. Das ist ein riesiges gesellschaftliches Problem, weil es immer noch sehr, sehr viel Gewalt gegen Frauen gibt.

  1. Wie beschwert man sich bei Ihnen und was passiert genau, nachdem eine Beschwerde eingegangen ist?

Ich bin ja für die Belange der Lehrkräfte zuständig. Bei Problemen, die sie in Bezug auf Gleichstellung haben, können sie sich von mir beraten lassen. Bei Gesprächen mit der Schulleitung zu diesen Themen, können sie mich auf Wunsch hinzuziehen. So dass ich dann aus meiner Perspektive als Ansprechpartnerin für Gleichstellungsfragen unterstütze und wir auf Grundlage unserer Vereinbarungen an der Schule gemeinsam Lösungen erarbeiten können.

  1. Was würden Sie angehenden Eltern empfehlen, um ihre Kinder früh für Gleichberechtigung zu sensibilisieren?

Kinder machen das, was die Eltern selbst auch machen, was man ihnen vorlebt. Ich kann meinen Kindern hundertmal sagen, „räumt euer Zimmer auf!“ Aber guck mal, wie mein Zimmer aussieht… man muss es vorleben.

Eine andere Sache sind zum Beispiel Spielsachen. Warum muss ein Mädchen immer Puppen kriegen und der Junge kriegt den Bagger? Bei meinen Kindern war es auch so, da war ein Junge im Kindergarten, der hatte sich unheimlich gerne verkleidet und dann hat er sich zum Geburtstag eine Meerjungfrau-Barbie und alle möglichen Verkleidungssachen gewünscht. Aber die Eltern wollten nicht, dass mein Kind ihm die schenkt. Ich dachte mir, warum? Wenn ein Junge sich verkleiden oder schminken will, warum denn nicht? Hat von uns natürlich die Meerjungfrau bekommen!

  1. Welche Auswirkungen können intersektioale (mehrfache) Benachteiligungen auf schulische Leistung haben?

Generell haben Schüler*innen, die Diskriminierung erleben, viel mehr Stress. Sie haben viel mehr Probleme im Kopf, mit denen sie sich ständig beschäftigen müssen. Und was blockiert einen beim Lernen mehr als genau das? Du kommst in die Schule und dann kommen wieder Sprüche wegen des Aussehens, der Orientierung, des Geschlecht oder irgendwas anderem. Bis hin zu Mobbing. Irgendwann willst du vielleicht gar nicht mehr kommen. Dabei sollte Schule doch ein Ort sein, an dem man sich sicher und wohlfühlt. Und das hat schlimme Folgen. Wenn man ständig unter Druck steht, lernt man schlechter, traut sich weniger zu, macht seltener mit. Dann schaffen manche ihren gewünschten Abschluss vielleicht nicht. Und das sind ja noch junge Menschen, und bevor sie überhaupt aus der Schule raus sind, sind sie manchmal schon so psychisch belastet, dass sie mit ganz anderen Voraussetzungen ins Erwachsenenleben starten. Viele aus unserer Schulgemeinde arbeiten aber auch aktiv daran, dass wir Diskriminierung nicht einfach hinnehmen, sondern dagegen angehen. Zum Beispiel durch Aktionen wie unsere Woche der couragierten Vielfalt und da seid ihr als SV ja auch ganz wichtig beteiligt.

Frau Akoho, herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führten Almina Avsar und Dana El-Zain